Natalia Weiss: „Das Schlüsselwort ist Obsession.“

 

Natalia Weiss’ „Erklärungsmodelle” bringen erfahrene Realität und individuelle Reaktionen auf sie ins Bild. Weiss offeriert künstlerische Erklärungen mit Schlüsselsymbolen wie Tieren, Schneid- und Messgeräten, Diagrammen, Pfeilen, Ziffern, dazu einzelne Wörter oder halbe Sätze sowie sehr persönliche Codes. Kunst ist für Weiss ein emotionales Mittel, gesellschaftliche Beziehungen zu erforschen und die Ergebnisse der individuellen Interpretation anheimzustellen.

 

Aufzeichnungen nach Gesprächen mit Natalia Weiss und Georg Lebzelter von Philipp Maurer.

 

Eine der jüngsten Arbeiten von Natalia Weiss, die hier als Titelbild des Um:Druck gezeigte Radierung „Ich bin Karli“, entstand nach dem 7. Jänner 2015, nach den Morden an Zeichnern und MitarbeiterInnen von „Charlie Hebdo“ und den anschließenden Solidaritätsbekundungen unter dem Schlagwort „Je suis Charlie“. Natalia Weiss geht nicht auf den Anschlag selbst ein, sondern auf die Folgen: die Spatzen pfeifen es von den allen Dächern den staunenden Wachhunden entgegen: „Ich bin Karli“. Plötzlich, sagen die fröhlich zwitschernden Spatzen, treten alle für die freie Meinungsäußerung und sogar für die freie Religionskritik ein! Aber, wundert sich der Vogel, fast niemand hat bei uns die Abschaffung des § 188, der die „Herabwürdigung der Religion“ unter recht geschmalzene Strafandrohung stellt, eingefordert.1

Da stimmt doch was nicht, pfeift er, und verweist mit einem kleinen Sternchen auf die Fußnote: „oder: Der Herr Karl“! Denn: bei uns ist der Karl der Herr Karl, der kleine Mann, der sichs in allen Regimen richtet und sicherheits- und bequemlichkeitshalber mit den Wölfen und nicht gegen sie heult.

Diese Radierung von Natalia Weiss, gezeichnet mit und gekennzeichnet von Polemik, Witz (im alten Wortsinne von „Geist“), Satire, historischen Bezügen, einer ordentlichen Portion Zynismus und dem deutlichen Willen zur Karikatur, ist charakteristisch für die Arbeiten von Natalia Weiss.

Georg Lebzelter, bei dem Natalia Weiss an der Wiener Kunstschule Druckgraphik studiert hat und der das Werk der Künstlerin weiterhin kritisch beobachtet, fördert und unterstützt, sieht in dieser Arbeit die Konstanten im Werk ebenso wie deren konsequente Weiterentwicklung:

Natalia Weiss, sagt Lebzelter, arbeitet immer an demselben Thema, macht aber dabei eine Entwicklung durch. Auf immer demselben zu insistieren ist eine künstlerische Qualität, die Lebzelter schon seit Jahrzehnten nicht nur im Werk der Natalia Weiss beobachtet, und bei dem er die sture Überzeugung, den richtigen Weg zu gehen, ebenso bewundert wie das dauernde Sich-Selbst-Befragen, ob der Weg wirklich gangbar und obendrein zielführend sei. Natalia Weiss geht nicht nur in der Kunst, sondern vielfach auch in ihrem Leben außerhalb der Kunst eigene Wege.

 

„Das Schlüsselwort ist Obsession“, sagt Natalia Weiss, „obsessives Denken und obsessives Tun, das Beharren auf bestimmten Dingen und Haltungen, die man immer wieder untersucht und sehend abklopft auf neue Erfahrungen und Erkenntnisse und auf neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten“.

 

Mit ihren Tierbildern und dem von ihr ins Bild gesetzten Zusammenhang zwischen individuell-emotionaler Welterfahrung und allgemein-rationaler Welterklärung schafft Natalia Weiss eine unverwechselbare Kunstwelt. In dieser sind Stellungnahmen zu weltpolitisch Aktuellem ebenso möglich und erwünscht wie verklausulierte Notationen zu familiär Privatem. Der Obsession zu genügen, nicht den äußeren Dingen zu gehorchen, führt zu treffenden Kommentaren über äußere Dinge, wie unser „Ich bin Karli“-Blatt zeigt.

 

„Erklärungsmodelle“ heißt eine Radierserie von Natalia Weiss aus dem Jahr 2012, die nun gemeinsam mit einem Zyklus von Zeichnungen, die als Vorstufen oder Einleitungen aus den Jahren 2011/12 zu verstehen sind, im Renner-Institut zu sehen ist. In den „Erklärungsmodellen“ bringt Natalia Weiss ihre Versuche, Kunst und Wissenschaft miteinander in Beziehung zu setzen und sie, über die bloße Beziehung hinausgehend, miteinander intellektuell und im Bild zu verbinden, zum vorläufigen Abschluss. Die Erklärungen beziehen sich „auf  Lebensereignisse, private Zustände, Zustände aus der eigenen oder der Herkunftsfamilie, auf das Zeitgeschehen, das oft ins Private hineinwirkt, auf alles das, was gerade auf mich zukommt und mich beschäftigt“, erläutert Natalia Weiss.

 

Die „Erklärungsmodelle“ beziehen sich auf wissenschaftliche Modelle, in denen die einzelnen, konkreten Menschen und Ereignisse zu abstrakten Objekten werden. „Nicht lebendige Menschen mit ihrer reichen Subjektivität betreten diese Modelle, sondern Karikaturen von ihnen, wie ‚der Arbeiter‘, ‚der ökonomische Mensch‘, ‚der Künstler‘, ‚der Wissenschaftler‘“.2 Diese Objekte der Modelle, quasi Karikaturen, würden von Wissenschaftlern entworfen, die von im Modell beschriebenen Ereignissen und Zuständen nicht betroffen sind, sondern von außen beobachten. Daher werde, so Feyerabend, die Lösung der Probleme nicht den Betroffenen, „deren Sensitivität durch die fortwährende Konfrontation mit den Problemen aufs höchste entwickelt war, sondern den Fachleuten“ überlassen, die „weitere Theorien mit weiteren Karikaturen entwarfen“. Dies sei aber, meint Feyerabend, nicht den Wissenschaftlern vorzuwerfen, sondern sei Produkt einer „alten Tradition ‚objektiven‘, das heißt von den Wünschen, Gefühlen und Vorstellungen gewöhnlicher Menschen getrennten Wissens“3.

 

Diese Trennung hebt Natalia Weiss in ihren subjektiven Erklärungsmodellen auf, da ihre Modelle auf dem subjektiven Erleben beruhen. Dies wird schon in der Initialzündung zur Serie deutlich: im Jahr 2009 fand die Künstlerin beim Surfen im Internet das Wort „Kopfwaschkabinett“. „Ich fand das so ein schönes Wort, weil man ja so oft den Kopf gewaschen kriegt!“ Eine Kopfwäsche kriegt man, wenn man etwas nicht verstanden hat, etwas falsch gemacht hat. Erklärungen, Klarstellungen gehen mit einer Kopfwäsche einher! Das „Kopfwaschkabinett“ eröffnet ein sehr weites Assoziationsfeld: es hat aber nichts mit Erziehung, Familienleben oder Schulalltag zu tun, sondern stammt aus dem Schlachthaus und meint eine Vorrichtung, in der Kälberköpfe gereinigt werden.4

 

Die Art des Herangehens der Künstlerin an den Begriff macht den Unterschied zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Erklärungsmodell augenfällig.

Da Natalia Weiss immer an mehreren Platten gleichzeitig arbeitet, vermischen sich die behandelten Themen und die entstehenden Erklärungen zu einem privaten Kunst-Konglomerat. Daher sind einzelne Arbeiten nicht einem bestimmten Ereignis zuordenbar. Die „Erklärungsmodelle“, erweisen sich als ein künstlerisches Spiel mit wissenschaftlichen Versatzstücken, die wirkungsvoll ins Bild gesetzt werden. „Es geht nie um was ganz Konkretes“ sagt Natalia Weiss. Und daher haben die BetrachterInnen genug Platz für eigene Erklärungen, Erklärungsmodelle und Assoziationen. „Vieles bleibt dem Einzelnen überlassen“, sagt Natalia Weiss und betont damit den individuell-anarchischen Charakter ihrer Kunst. Dass sie sich damit in einen größeren Zusammenhang stellt, in dem das Individuelle, das nur scheinbar Kommunikative im Vordergrund steht, ist ihr klar.

Die „Erklärungsmodelle“ stehen daher in einem größeren Kunstzusammenhang, in dem Individualität und Kommunikationsverweigerung reflektiert und nur scheinbar gesichertes Wissen angeboten werden. Denn die Radierungen der Natalia Weiss belassen viele BetrachterInnen in der als allgemein und allgegenwärtig erlebten Isolation.

Trotzdem setzt sie ihre Radierungen als Kommunikationsmittel ein, denn jedes einzelne Blatt ist für jemanden Bestimmten entstanden, ist Produkt der Emotion in der Beschäftigung oder Auseinandersetzung mit einzelnen Personen: für diese Personen sind die Blätter wohl sehr deutlich lesbar! Insofern sind sie der Gegenentwurf zu der von Feyerabend diagnostizierten „Objektivität“ und Kälte der wissenschaftlichen Erklärungen, denn die einzelnen Figuren und Tiere sind nicht Objekte, sondern handelnde, fühlende, sprechende Subjekte – für den, der das Vokabular kennt.

 

Für ihre Erklärungsmodelle verwendet Natalia Weiss Symbole und Zeichen aus vielen Bereichen: aus dem Bereich der Visualisierung von Statistiken Zahlen, Ziffern, Daten, Linien, Säulen- und Tortendiagramme, aus Landkarten und Bauanleitungen Bildlegenden, Maßstab, Lineal, Skalen, Kreise, Kreuze wie bei multiple-choice-Fragen, Pfeile, dazu Messgeräte, Stanleymesser, Skizzen und schematische Zeichnungen wie zum Beispiel der Erbgang der Erbse aus der Mendelschen Vererbungslehre. Über, unter und zwischen all den Zeichen bewegen sich Tiere, stehen Wörter oder halbe Sätze und immer wieder Anleitungen zum Gebrauch der Bilder, darunter das faszinierend vieldeutige Wort „vermessen“.

 

Sprache ist ein wichtiges Element in Natalia Weiss’ Arbeiten. Aber die auf den ersten Blick sinnlos erscheinenden Schlagwörter, Wortfetzen, Schreie in Sprechblasen, aus ihren Zusammenhängen gerissenen Wörter geben selten Aufschluss, bieten höchstens Anlass zu Assoziationen.5 Aber eigentlich, meint Natalia Weiss, sind wir mit Worten sowieso schon am Holzweg: „Worte haben nix zu suchen, Worte haben hier wirklich nichts zu suchen, Worte sollen nichts suchen, wer hier wortet hat schon verloren, ….“, lesen wir auf dem Text einer von Renaissancestichen übernommenen Merktafel neben drei Vögeln.6

 

Schon seit ihrer Schulzeit pflegt Natalia Weiss eine emotionale Beziehung zur Sprache: Dichter, Dichtung bedeuten ihr viel. Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Irmgard Keun, Marlen Haushofer, Kurt Tucholsky und H.C. Artmann, Bohumil Hrabal und Karel Čapek – Natalia Weiss hat Tschechisch studiert!: „Das sind die LiteratInnen, denen ich mich verwandt fühle“, sagt sie. „Bevor ich mir erlaubt habe, so viel zu zeichnen, wie ich gerne zeichnen wollte, weil mir das ausgeredet wurde, und ich sollte was Vernünftiges lernen, habe ich viel geschrieben.“ Schon in ihrer Diplomarbeit an der Wiener Kunstschule hat sie Haikus und Bilder kombiniert. Heute ist Zeichnen für sie wie das Schreiben von Lyrik. Notizen undSätze werden zu Bildern.

Auf die Titel ihrer Arbeiten legt sie großen Wert: Titel verweisen darauf, worum es geht: Liebeserklärungen, Erklärungsmodelle, Zustände, Vexierfragen. Natalia Weiss: „Ich bin eine umgekehrte Mayröcker: Ich mache Sprache zu Bildern.“ Und zitiert Friederike Mayröcker, die von sich sagte: „Ich lebe in Bildern. Ich sehe alles in Bildern, meine ganze Vergangenheit, Erinnerungen sind Bilder. Ich mache die Bilder zu Sprache, indem ich ganz hinein steige in das Bild. Ich steige solange hinein, bis es Sprache wird.“

 

Natalia Weiss’ Arbeiten sind narrativ, anekdotenhaft, voller Geschichten, die sich in Worten, Tieren, Geräten, Statistiken ausdrücken. Erfahrungen und die Erklärungen, die daraus folgen, leben in Sprache und Bildern. Leben, Sprache und Bild sind für Weiss gleichwertig.

Neben Zeichen und Wörtern herrschen Tiere. „Ich fühle mich Tieren nahe, weil ich selbst eines bin. Meine Wahrnehmung ist eine tierische,“ sagt Natalia Weiss. Ein Panoptikum an Tieren bevölkert ihre Arbeiten: Katzen, Kröten, Ratten, Krähen, Raben, Kolibris, Ziegen, Fische, Lurche, Frösche, Maulwürfe (die in einer früheren Installation der Künstlerin als Objekte und in einem ihrer Animationsfilme mitspielten). Krokodile erscheinen als der Krokodilgott aus den Ägyptischen Totenbüchern, der als mumifiziertes Krokodil im Kunsthistorischen Museum in Wien zu bewundern ist. Krokodile, die in manchen Kulturen für ihre Mütterlichkeit verehrt werden, stehen für die Ambivalenz des Mutterseins: im Maul kann das Junge gut versteckt, aber auch totgebissen werden. Eine ähnliche Ambivalenz sehen wir bei den Katzen: die lieben Streicheltiere kratzen, kotzen, scheißen ins Eck.

Vögel kennt Natalia Weiss besonders gut, auch wegen des Interesses ihres Sohnes David an Ornithologie, der Vogelexpeditionen der ganzen Familie nach Rumänien und Helgoland und der Besuche im Naturhistorischen Museum samt Besichtigung der Kästen hinter den Vitrinen, wo die Bälge mit Zettelchen an den Füßen liegen.

 

Bevor sie sich ganz auf Kunst konzentrierte, hat Natalia Weiss Biologie studiert. An biologischen Themen und wissenschaftlichen Fragestellungen hat sie unverändert größtes Interesse. Den wissenschaftlichen Aspekt sollte man bei ihren Arbeiten nie aus den Augen verlieren. Sie beobachtet die neuen Erkenntnisse aus dem Bereich der Zoologie: dass Krähen Emotionen und ein Ich-Bewusstsein haben und sich selbst im Spiegel wahrnehmen können, dass Schimpansen neue Grunzlaute einführen, um bestimmte Dinge zu benennen, dass Fische ein ausgeprägtes Sozialleben pflegen und sehr schmerzempfindlich sind, dass Waldrappe Flugrouten neu erlernen und den Flug kraftsparend und effizient organisieren.

 

Natalia Weiss hat ihr Tiere-Repertoire im Kopf – deshalb stimmen manche radierten Tiere nicht mit der Wirklichkeit überein und sind nicht klar zu benennen. Denn es geht um den Ausdruck des Körpers an sich. Natalia Weiss erzählt keine Fabeln, folgt nicht den künstlerischen Strategien von Äsop oder LaFontaine. Ihr Fuchs steht nicht für Verschlagenheit und Schlauheit im Fabel-Sinne, sondern als Fuchs, der durch den Wald streift. Die Tiere sind nicht mythisch oder psychologisch zu denken, sondern sie sind Subjekte, die Persönlichkeit haben – sowohl im wirklichen Leben als auch in der Zeichnung. Tiere sind Stellvertreter für menschliches Verhalten, denn ihre Posen sind keine Tierposen, sondern Menschenposen!

 

Natalia Weiss’ bevorzugte Technik ist die Radierung. Der von ihr verehrte Horst Janssen beschreibt, wie faszinierend das Herstellen einer Radierung für die Künstlerin, den Künstler ist, wie der Faktor Zeit und später erst einsetzende Wirkungen das Radieren zum Abenteuer machen: „Während ich in DIESEM Moment etwas in den Lack vorzeichne, was erst in der nächsten Stunde geätzt wird, denke ich bereits an die Ätzung – inwiefern diese dasjenige, was ich jetzt gerade zeichne, in einem geplanten Sinne abändern wird, damit eine Wirkung entsteht, die ich jetzt im Auge habe, aber unmöglich jetzt auch schon herstellen kann.“

 

Georg Lebzelter betont, dass der Künstler beim Zeichnen auf der Metallplatte mitdenkt, was man der Zeichnung antun wird, dass man sie der Säure zum Fraß vorwerfen, überarbeiten, verändern wird. Wer so etwas tut, sagt Lebzelter, verfolgt nicht einen Plan, sondern ist mitten in einem Prozess, in dem sich jeder Plan verliert, in dem man aber spontan und gefühlsmäßig  verschiedene Elemente aus seinem Schatz an künstlerischen Utensilien und Tools einfügt. Das Spannende an Druckgraphik ist, dass man die Zeichnung der Säure überantwortet, wodurch ästhetische Elemente dazukommen, die sich dem Prozess verdanken, z.B. einige sehr tiefe Schwärzen. Aber in der Ätzung kann man auch Dinge dazunehmen bzw. weggeben, die einem so nicht passen. Horst Janssen passierte es, erzählt Lebzelter, dass er einmal zu dünn lackiert hatte und die Säure ihm den Himmel angefressen hatte. Als er das Ergebnis im Druck sah, sagte er:  „Ab da konnte ich Nebel.“

 

Natalia Weiss arbeitet vor allem auf Zink, für das die Säure stark verdünnt werden kann und die Reaktionen rascher und intensiver erfolgen. Zink gibt den Blättern der Natalia Weiss ihren besonderen Charakter. Gerne verwendet sie offene Ätzungen, selten Aquatinta.

 

Alle Sätze, alle Wörter, alle Tiere und alle Zeichen in Natalia Weiss’ „Erklärungsmodellen“ tragen Bedeutung. Aus deren Zusammenspiel entschlüsselt sich der Bildinhalt. Die Serie von Zeichnungen zu den „Erklärungsmodellen“, auf Transparentpapier, mit Hochdrucken, Stempel, Letraset, als Buch aufgebunden, machen den Collage-Charakter der Arbeiten sichtbar. Die vielen Elemente sind assoziativ zu einem Ganzen zusammengebaut. Besonders erwähnenswert ist das Element Letraset, das im Laufe der Jahre im Werk Weiss’ immer wichtiger wird. Zwar gibt es die Firma Letraset nicht mehr, aber Natalia hat einige Mappen mit Letraset-Bögen „geerbt“. Letraset wird gerubbelt, nicht geklebt: das Haptische macht den Reiz aus und die Schrift, im Gegensatz zum Computersatz, erlebbar, erkennbar. Sogar die Trennlinien auf den Bögen, die ursprünglich nicht als Material gedacht waren, ergeben wunderbare Effekte. In den künstlerischen „Erklärungsmodellen“ der Natalia Weiss finden alle eincollagierten Teile, nicht nur das Letraset, neben ihrer alten, traditionsreichen Bedeutung eine neue, erweiterte, individualisierte und, im Hegelschen Sinne, auf eine höhere Ebene der Kunst-Wissenschaft aufgehobene Existenz.

Anmerkungen:
1 § 188 des StGB, Herabwürdigung religiöser Lehren: „Wer öffentlich eine Person oder eine Sache, die den Gegenstand der Verehrung einer im Inland bestehenden Kirche oder Religionsgesellschaft bildet, oder eine Glaubenslehre, einen gesetzlich zulässigen Brauch oder eine gesetzlich zulässige Einrichtung einer solchen Kirche oder Religionsgesellschaft unter Umständen herabwürdigt oder verspottet, unter denen sein Verhalten geeignet ist, berechtigtes Ärgernis zu erregen, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.“ Für die Abschaffung dieses Paragrafen votierten Hannes Jarolim von der SPÖ und Matthias Strolz von den Neos – Justizminister Brandstetter beendete die kurze Debatte mit dem Machtwort, dass alles beim Alten bleibe.
2 Paul Feyerabend, Wissenschaft als Kunst. Edition suhrkamp, Frankfurt am Main, 1984,  S. 11
3 alle Zitate a.a.O., S. 11
4 http://www.friedrich-sailer.de/files_db/dl_mg_1267143617.pdf: „Kopfwaschkabinett für Rinderköpfe, bestehend aus Bodenwanne mit Gitterrost mit Ablauf, Rück- und Seitenwänden sowie Untergestell aus Edelstahl 1.4301, mit Querrohr zum Einhängen von Eurohaken, LxBxH ca. 800 x 800 x 1800 mm“
5 Ein schönes Beispiel dafür ist der von Natalia Weiss geschaffene „Meditative Makak“ aus dem Um:Druck 25 vom April 2014
6 siehe die Abbildung im Um:Drck 25, S. 23, zum „Meditativen Makak“
7 Horst Janssen über die Magie der Radierung in „Hokusai’s Spaziergang“, hrsg. v. Gerhard Schack, 1998, Verlag St. Gertrude Hamburg, S. 18


 

 

 

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